Fritz Hartnagel, Alfred Bauer und ein vergessenes Kapitel des Kriegsendes in Halle

Wolfgang Keller wirkt auf den ersten Blick nicht wie jemand, der sich vor Begeisterung in Rage reden kann. Als ich den pensionierten Physiker im Herbst 2014 kennengelernt habe, musste ich mich aber schnell eines Besseren belehren lassen. Bei der Frage, warum auch 69 Jahre nach Kriegsende für das Handeln von Fritz Hartnagel und Alfred Bauer keine angemessene Ehrung existiert, wurde Wolfgang Keller zu einem enthusiastischen Redner, der mich sofort für die Geschehnisse des 14. April 1945 begeisterte. Die Geschichte von Hartnagel und Bauer war nicht nur für mich ein vergessenes Kapitel des Kriegsendes in Halle. Ich hatte bis zu diesem Tag weder einen der beiden Name gehört, noch wusste ich, abseits der Graf Luckner-Geschichten, sonderlich viel über die letzten Kriegstage in Halle.  Das sollte sich nach meiner ersten Begegnung mit Wolfgang Keller ändern.

Befehlsverweigerung und Kapitulation

Auf dem ersten Blick unterscheiden sich die Lebensläufe von Fritz Hartnagel und Alfred Bauer nicht von denen vieler ihrer Altersgenossen. Als junge Männer, die im Jahr 1917 beziehungsweise 1916 geboren wurden, waren sie während des Zweiten Weltkrieges Angehörige der Wehrmacht. Insbesondere durch die Eindrücke des Krieges, unter anderem bei der Schlacht um Stalingrad, die Hartnagel als einer der letzten Soldaten verlassen konnte, entwickelte er sich allerdings zu einem Gegner des NS-Regimes. Belegen lässt sich dies unter anderem auch dadurch, dass er seine Verlobte Sophie Scholl immer wieder durch die Weitergabe von Informationen über deutsche Kriegsverbrechen an der Front und die Übersendung von nicht unbeträchtlichen Geldbeträgen unterstützte. Kurz vor Kriegsende wurde Hartnagel als Kommandeur an die Heeres- und Luftnachrichtenschule im halleschen Stadtteil Heide-Süd versetzt. Dort kreuzten sich auch erstmals seine Wege mit denen von Alfred Bauer, der ihm dort als Adjutant direkt unterstellt war. Anfang April 1945 war bereits absehbar, dass amerikanische Truppen die Stadt zeitnah erreichen sollten. Angesichts der Ereignisse in Dresden zwei Monate zuvor bestand auch in Halle die begründete Gefahr, dass die Stadt ein ähnliches Schicksal ereilen könnte. Am 14. April 1945 erreichte die 104. US Infanterie-Division die hallesche Stadtgrenze. Fritz Hartnagel wurde der Befehl erteilt, den Kampf gegen die amerikanischen Soldaten gemeinsam mit den ihm unterstellten Soldaten bis zum letzten Mann fortzusetzen. Solche Befehle waren in den letzten Kriegstagen an der Tagesordnung. Gleichzeitig zeigte sich aber genau in diesem Moment, in dem es nicht nur sprichwörtlich um Leben und Tod ging, eine Haltung von Hartnagel und Bauer, die es wert ist, dass an sie auch heute noch gedacht wird. Statt den Befehl umzusetzen, ließ Hartnagel die Soldaten der Heeres- und Luftnachrichtenschule zusammenrufen und erörterte ihnen, dass er die Weiterführung des Kampfes für sinnloses Blutvergießen halte und sich dem Befehl daher verweigere. Bevor Hartnagel jedoch mit den ihm unterstellten Soldaten der amerikanischen Division mit gehisster weißer Fahnen entgegenziehen konnte, wurde er im Hof der Kaserne von Mitgliedern der SS festgenommen. Eine derartige Befehlsverweigerung, wie sie Hartnagel praktizierte, wurde auch in den letzten Kriegstagen durch das NS-Regime noch mit der Hinrichtung geahndet. Das Schicksal Hartnagels wäre somit vorgezeichnet gewesen, wenn Alfred Bauer nicht eingeschritten wäre. Um die Festnahme zu verhindern, eröffnete er das Feuer auf die Hartnageln festnehmenden SS-Männer. Im darauf folgenden Schusswechsel gelang zwar die Befreiung Hartnagels, Bauer selbst wurde jedoch von einem Schuss in den Bauch getroffen und verstarb später im heutigen Martha-Maria-Krankenhaus in Dölau an den Folgen der Verletzung. Hartnagel und die übrigen Soldaten konnten indes die vorgesehene Kapitulation durchführen und begaben sich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ohne Hartnagel und Bauer wäre der noch bis zum 19. April fortgesetzte Kampf um Halle wohl wesentlich härter, länger und mit mehr Opfern geführt worden. Beide haben aber durch ihr Handeln vermutlich nicht nur die Leben der Soldaten in der Heeres- und Luftnachrichtenschule, sondern auch die Leben vieler weiterer Hallenser und eine großflächigere Zerstörung der Stadt durch zu diesem Zeitpunkt bereits geplante Bombardierungen verhindert.

Der lange Weg zur Gedenktafel

Nachdem mir Wolfgang Keller zum ersten Mal von diesen Geschehnissen erzählte und mir im Nachgang noch weitere Literatur zum Thema zukommen ließ, war ich sofort Feuer und Flamme für die Idee einer Ehrung für Fritz Hartnagel und Alfred Bauer. Eine solche, in Vergessenheit geratene Geschichte musste vor dem endgültigen Vergessen bewahrt werden. Eine Ehrung der beiden Männer schien der beste Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Ein entsprechender Antrag war mit der Hilfe meines Fraktionskollegen Dr. Rüdiger Fikentscher und den Mitarbeitern der Geschäftsstelle der SPD-Fraktion Stadt Halle (Saale) schnell geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht geahnt, wie viele Jahre uns das Thema noch beschäftigen würde. Im Dezember 2014 beriet der Kulturausschuss zum ersten Mal über die von uns vorgeschlagene Gedenktafel. Das Ergebnis war für mich eine Ernüchterung. Statt den Beschluss direkt zu fassen, forderte eine Mehrheit des Ausschusses, dass eine Arbeitsgruppe aus Stadtverwaltung, Stadträten und Historikern zuerst prüfen solle, ob eine Ehrung von Hartnagel und Bauer angemessen sei und sich die Geschehnisse des 14. April 1945 tatsächlich so ereignet haben. Im Februar 2015 traf sich die sogenannte „Arbeitsgruppe Bauer/Hartnagel“ unter Vorsitz des Leiters des halleschen Stadtarchives zum ersten Mal. Dieser Arbeitsgruppe durfte ich auch angehören. Schnell wurde klar, dass das vorhandene Material im Stadtarchiv selbst nicht zu einer handfesten Bewertung der Vorgänge ausreicht. Die Arbeitsgruppe entschied sich daher, vom Bundesarchiv und den Stellen, an denen heute die Akten der ehemaligen Wehrmacht gelagert werden, alle vorhandenen Dokumente zu Fritz Hartnagel und Alfred Bauer anzufordern. Ehe alle Unterlagen in Halle angekommen waren und durch die Fachleute ausgewertet werden konnten, verging mehr als ein Jahr. Auch danach war die Aktenlage allerdings nicht eindeutig. Es gab zwar einige Indizien, konkrete Beweise dafür, dass sich die Ereignisse am 14. April 1945 genauso abgespielt haben, wie es Fritz Hartnagel später geschildert hat, waren aber auch hier nicht zu finden. So ärgerlich diese Tatsache für mich war, so nachvollziehbar ist sie doch. Gerade in den letzten Tagen des Krieges war die oft zitierte „deutsche Gründlichkeit“ und der Drang, zu jedem Vorgang eine Akte anzulegen, nicht mehr vorhanden. Das Ergebnis der Arbeitsgruppe konnte sich damit nur auf die vorhandenen Indizien und das Selbstzeugnis von Fritz Hartnagel stützen. Die Folge war, dass der Textvorschlag am Ende wesentlich spärlicher ausgefallen ist als der erste Entwurf, den mir Wolfgang Keller bei einem unserer ersten Gespräche vorgestellt hatte. Im Oktober 2016 hat die SPD-Fraktion dem Stadtrat vorgeschlagen, ebenjenes Ergebnis der Arbeitsgruppe umzusetzen. Noch im selben Monat hat der Stadtrat dem Vorschlag zugestimmt und beschlossen, eine Gedenktafel mit folgendem Wortlaut am Gebäude der ehemaligen Heeres- und Luftnachrichtenschule, die heute von der Universität genutzt wird, anzubringen:

Am 14. April 1945 weigerte sich Hauptmann Fritz Hartnagel (1917-2001), den in den
Kasernen der hier befindlichen Luftnachrichtenschule stationierten Truppen den
Befehl zur Fortsetzung der Verteidigung gegen die US Army zu geben. Sein Adjutant,
Oberleutnant Alfred Bauer (1916-1945), wurde bei dem Versuch, das Leben von Fritz
Hartnagel zu beschützen, von deutschen Soldaten erschossen.

Enthüllung und Lehren aus dem Kampf für eine Ehrung

Am 14. April 2018, 73 Jahre nach den Geschehnissen, konnte die Gedenktafel endlich offiziell enthüllt werden. Bei der Enthüllung war unter anderem Fritz Hartnagels Sohn, Thomas Hartnagel, anwesend. Fritz Hartnagel selbst verstarb bereits im Jahr 2001. Er studierte nach den Geschehnissen im Jahr 1945 Rechtswissenschaften, arbeitete als Richter am Landgericht in Stuttgart und blieb auch nach Ende des Krieges überzeugter Pazifist. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand nahm Hartnagel so unter anderem an der Blockade einer Kaserne teil, in der amerikanische Pershing-II-Raketen stationiert waren und wurde deswegen wegen Nötigung zu einer Geldstrafe verurteilt. Mit der nun existierenden Gedenktafel ist ein wichtiger Beitrag dazu geleistet, dass Fritz Hartnagel, Alfred Bauer und damit auch ein bisher selten beachtetes Kapitel in der Geschichte des Kriegsendes in unserer Stadt nicht in Vergessenheit geraten. Außerdem kann man aus dieser gesamten Geschichte meiner Meinung nach zwei wichtige Erkenntnisse ziehen. Hartnagel und Bauer zeigen, dass es auch in gefährlichen Situationen und im Angesicht eines drohenden Übels immer richtig und wichtig ist, das eigene Handeln auf den eigenen Überzeugungen und nicht auf falschen und ungerechten Befehlen fußen zu lassen. Am Beispiel von Wolfgang Keller, der schon lange vor unserem Treffen für eine Erinnerung an die Geschehnisse des 14. April 1945 gekämpft hat, zeigt sich, dass es sich am Ende immer auszahlt, mit Leidenschaft und Engagement an einer Sache zu bleiben, die man für richtig hält.

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