Die Lebenshilfe – Meine Lieblingsorte in Halle

In Halle wurden viele Traditionen erhalten. Die Tradition des Bierbrauens gehört nicht dazu. Über Jahrhunderte wurde in Halle Bier gebraut. Mit der Schließung der Freybergschen Brauerei an der Saale im Jahr 1993 fand die Produktion von Bier am Böllberger Weg ein vorläufiges Ende. Noch in diesem Jahr könnte die Durststrecke aber ein Ende finden. Verantwortlich dafür ist eine Institution, die an die man nicht unbedingt denkt, wenn es um das Brauhandwerk geht – die Lebenshilfe Halle.

Arbeiten trotz geistiger Behinderung

Die Lebenshilfe Halle existiert seit 1992. Damals hatte der Verein die Behinderteneinrichtungen der Stadt übernommen. Heute hat die Lebenshilfe ihren Hauptsitz im Böllberger Weg. Ihr Ziel ist es, die Gleichberechtigung und Barrierefreiheit für Menschen mit geistiger Behinderung herzustellen. Auf dem Gelände der Lebenshilfe befinden sich seit 1998 neben dem „Café & mehr“ und den verschiedenen Werkstätten auch Wohnmöglichkeiten bis hin zur Intensivbetreuung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebenshilfe. Den Betroffenen werden auf dem Gelände der Lebenshilfe verschiedene Möglichkeiten zur individuellen Teilnahme am Arbeitsleben und zur Qualifzierung und Ausbildung gegeben. Derzeit nutzen fast 270 Menschen diese Möglichkeiten. Der Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf dem handwerklichen Bereich. Die Lebenshilfe betreibt so derzeit zum Beispiel Werkstätten zur Holz- und Metallverarbeitung aber auch eine Wäscherei und eine Werbeabteilung. Die Arbeiten der Lebenshilfe sind fast ausschließlich Auftragsarbeiten und reichen von einfacheren Holzarbeiten bis hin zur Herstellung von Gullideckeln für eine Kommune in der Schweiz. Bedauerlicherweise erhält die Lebenshilfe nur einen Bruchteil der Aufträge aus Halle. Die Einnahmen, die durch den Verkauf der eigenen Produkte erzielt werden, werden zu 70 Prozent an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgezahlt. Die verbleibenden 30 Prozent der Gewinne werden verwendet, um den täglichen Betrieb der Lebenshilfe zu gewährleisten und neue Werkzeuge und Maschinen anzuschaffen.

Von der Lebenshilfe zum Brauhandwerk

Doch wie kommt die Lebenshilfe nun zum Brauhandwerk? Um den Betrieb zu sichern, ist die Lebenshilfe darauf angewiesen, ihre Produkte zu verkaufen. Besonders gut lassen sich Produkte verkaufen, die gerade im Trend sind. Ein solcher Trend hat derzeit nicht nur in Deutschland die Brauereien erfasst. Dem klassichen Pils macht mittlerweile die sogenannte Craft-Beer-Bewegung Konkurrenz. Klassischen Biersorten erhalten so zunehmend Konkurrenz durch handwerklich aufwändig hergestellte und geschmacklich experimentelle Biersorten. Bereits in den letzten Jahren hat die Lebenshilfe durch eine Kooperation mit einer regionalen Brauerei Erfahrungen in Sachen Abfüllen und Vertreiben von Bier gesammelt. Nun haben die Lebenshilfe und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Initiative ergriffen und sich entschieden, mithilfe dieser Vorkenntnisse zukünftig selbst „Craft Beer“ herzustellen. Noch im Jahr 2018 sollen unter dem Namen „Böllberger“ und mit der Unterstützung zweier ausgebildeter Braumeister die ersten Sorten hergestellt und abgefüllt werden. Um die geplante Produktion von 20 Hektoliter und bis zu neun verschiedenen Sorten sicherzustellen, wird die künftigen Brauerei derzeit vorbereitet und Platz für den von Paulaner erworbenen Kessel geschaffen. Verkauft werden sollen die Produkte nicht nur im eigenen Café, sondern auch durch verschiedene großen Einzelhandelsketten in Halle.

Wiederbelebung einer Tradition dank Arbeit von Menschen mit Behinderung

Mit der Umsetzung dieses Projektes könnte das Brauereihandwerk damit nach 25 Jahren wieder an den Böllberger Weg zurückkehren. Die Tatsache, dass ausgerechnet ein Verein, der Menschen mit einer geistigen Behinderung Arbeit gibt, für die Wiederbelebung dieser Tradition verantwortlich ist, ist ein tolles Zeichen. Die Marke „Böllberger“ wird neben den vielfältigen Leistungen und Produkten, die durch die Arbeit von Menschen mit Behinderungen schon heute in den verschiedenen Werkstätten unserer Stadt entstehen, ein weiteres Symbol dafür, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen bemerkenswerte Leistungen vollbringen können. Für den Erhalt solcher Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen lohnt es sich zu streiten. Aus meiner Sicht macht es Sinn, nun vor allem zu prüfen, ob es innerhalb der Stadtverwaltung und der kommunalen Unternehmen Aufträge im handwerklichen Bereich gibt, die an Einrichtungen in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten, vergeben werden könnten.

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