Halle gegen Magdeburg – Kulturkampf 2025

Halle soll im Jahr 2025 europäische Kulturhauptstadt werden. Magdeburg nicht. Das wünscht sich zumindest Halles Oberbürgermeister Wiegand. In Magdeburg wird das anders gesehen. Es kündigt sich ein spontaner Kulturkampf an.

„Abteilung Attacke“ – Der Schnellschuss als Instrument politischer Arbeit

Nach der Hälfte der Wahlperiode kann mich eigentlich nicht mehr viel überraschen. Man meint, dass man nach mehr als 200 Sitzungen schon alles gesehen, gehört und erlebt hat. Und sollte ich trotzdem mal aus allen Wolken fallen, ist das meist der Spontanität der Verwaltungsspitze geschuldet. Das Team um Oberbürgermeister Wiegand wird nicht umsonst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand „Abteilung Attacke“ genannt. Der Schnellschuss hat die durchdachte und geplante Entscheidung als Instrument politischer Arbeit bereits seit einigen Jahren abgelöst. Die Ankündigung, dem Stadtrat im September 2016 einen Beschluss zur Erstellung eines Grobkonzeptes für die Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt vorzulegen, ist daher zumindest in der Methode wenig überraschend. Die Genese der angestrebten Bewerbung ist hingegen bemerkenswert.

72 Stunden bis zur Kulturhauptstadt

Zu Beginn einer jeden Ratssitzung berichtet der Oberbürgermeister über aktuelle Geschehnisse und Planungen in der Stadt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei die aktuellen Bauberichte über sich im Starpark ansiedelnde Logistikunternehmen – natürlich stets mit Fotomaterial. Zwischen Januar und Juli 2016 sucht man dabei das Stichwort „Kulturhauptstadt“ vergeblich. Auf die Agenda tritt die Frage, wo im Land die Kultur eigentlich beheimatet ist, erst am 15. August. Bildungsminister Tullner (CDU) und Magdeburgs OB Trümper füllen in der Mitteldeutschen Zeitung das Sommerloch mit der Frage, ob Halles Stellung als Kulturhauptstadt durch die Bewerbung Magdeburgs für den Titel der Kulturhauptstadt im Jahr 2025 gefährdet ist. Von OB Wiegand ist zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu hören. In die Diskussion schaltet er sich erst 72 Stunden später ein. Dafür aber mit Pauken und Trompeten:

„Das vitale Zusammenspiel und die Gleichzeitigkeit von reicher Kulturgeschichte und aktuellem künstlerischen Schaffen bestimmt den Faktor Kultur in Halle als einen wesentlichen Bestandteil des Dreiklangs Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. Ein Dreiklang, an dessen Erfolg die Zukunft der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels geknüpft ist. (…) Als Kulturhauptstadt Europas wird Halle (Saale) auf diesem Weg gestärkt.“

Bernd Wiegand, Presseerklärung vom 18.08.2016.

Nach einer langfristig geplanten Aktion klingt das nicht. Vielmehr scheint die Bewerbung als Kulturhauptstadt und die damit einhergehende Schaffung einer Konkurrenzsituation mit Magdeburg die Antwort der hallescher Verwaltungsspitze auf die Frage, ob Halle noch die kulturelle Führungsrolle im Land genießt. Dass Magdeburgs OB Trümper, ein Mann dessen Ego ebenso wie das seines Amtskollegen locker für drei Menschen reichen würde, mit „Was diese so genannte Kulturhauptstadt Halle da macht, interessiert mich überhaupt nicht“ antwortet, mag auf den ersten Blick unterhaltsam sein. Auf dem zweiten Blick kündigt sich eine Provinzposse an, die beiden Städten, unabhängig davon, ob sich beide bewerben, im Wettstreit mit der weiteren Konkurrenz nicht helfen wird.

Eine Entscheidung des Kopfes, nicht des Herzens

Als hallescher Stadtrat werde ich mich hüten, den Kollegen in Magdeburg kluge Ratschläge oder bissige Kommentare zuzuwerfen. Ich bin in Halle geboren und nicht von der Meinung abzubringen, dass die Kultur von Sachsen-Anhalt ihre Heimat an der Saale und nicht an der Elbe hat. Diese Einstellung macht die Entscheidung über den Beschluss, den OB Wiegand dem Stadtrat im September unterbreiten wird, aber nicht einfach. Bei der Entscheidung über die Frage, ob Halle sich auf den Weg zu einer Bewerbung um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2025 machen soll, sind rationale Überlegungen und sachliche Argumente die besseren Ratgeber.

Kulturhauptstadt Halle – ja oder nein?

Ich habe für mich noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wie ich in der Sitzung 28. September abstimmen werde. Die Spontanität sei an dieser Stelle anderen überlassen. Wohl habe ich für mich selbst aber die Fragen formuliert, deren Antworten über mein Abstimmungsverhalten entscheiden werden.

  • Was bedeutet eine Bewerbung Halles für das Verhältnis im Land?

Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, SPD und Bündnis 90/ Die Grünen ist die Bewerbung Magdeburgs als zu unterstützendes Projekt festgeschrieben. Ich habe auf dem Landesparteitag der SPD für den Koalitionsvertrag gestimmt. Viele andere Hallenserinnen und Hallenser in den Reihen der Koalitionsparteien haben das auch – hoffentlich im Wissen um diesen Passus – getan. Freilich schließt der Passus eine Bewerbung Halles nicht ausdrücklich aus. Aber in Sachen Solidarität könnten Kratzer entstehen, die Halle an anderer Stelle schaden könnten.

  • Wie viel Plan steckt hinter der Bewerbung?

Magdeburg bereitet sich nicht ohne Grund seit mehreren Jahren auf die Bewerbung vor. Will man Aussicht auf Erfolg haben, reicht ein Grobkonzept, dass dem halleschen Stadtrat erst im Februar 2017 vorgelegt werden soll, nicht aus. Ohne konkreten Plan und detaillierte Planung kann die Bewerbung schnell zum Bumerang werden und dem Ansehen der Kulturstadt Halle mehr schaden als nutzen.

  • Wie viel Wahrhaftigkeit steckt in der Bewerbung?

Zeitgleich mit dem Beschlussvorschlag zur Bewerbung als Kulturhauptstadt wird der Oberbürgermeister auch den Haushaltsentwurf für das Jahr 2017 einbringen. In den letzten Jahren hat die Verwaltung dem Stadtrat immer wieder gerade im Kulturbereich Kürzungen vorgeschlagen, die erst im Rahmen der Haushaltsberatungen stets durch breite Mehrheiten im Rat wieder zurückgenommen wurden. Meint die Verwaltungsspitze es ernst mit einer Bewerbung als Kulturhauptstadt, dann erwarte ich, dass sie Vorschläge unterbreitet, wie die vielfältige Kulturszene gestärkt und nicht geschwächt werden kann.

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